Die Corona-Chroniken #2

Foto: Jörg Krämer / Seeheim-Jugenheim

6  Ich habe gerade versucht, mein ganz persönliches Infektionsrisiko zu berechnen; schließlich bin ich ein Risiko-Groupie der allerersten Stunde und ganz vorne mit dabei: Krankenpfleger auf einer Beatmungsstation, Prädiabetiker mit Bluthochdruck; und – zur Zeit das Allergefährlichste – ich bin ein Mann. Noch dazu älter als fünf Jahre. Also mal schauen, was sich tun lässt zum eigenen Klassenerhalt. Wenn ich alle mir vorliegenden Informationen – Stand Mitte April – richtig verstanden habe, schützt lediglich die FFP 2-Maske vor dem Virus; die gewöhnliche OP-Maske nutzt nichts. Es sei denn, sie ist selbst genäht, am besten von Cathy Hummels. Die schützen wohl am zuverlässigsten. Die halfen sogar noch bis zum 19. März in Restaurants, allerdings nur zwischen 11 und 18 Uhr. In den Kitas und Schulen funktionierten sie leider gar nicht, ausser es wurden gerade Abi-Klausuren geschrieben. Vitamin C und Zink sollen gut schützen, hat mir meine Nachbarin zugeraunt: Und in jedem geschlossenen Raum eine geschälte Zwiebel aufstellen! Hände waschen ist offenbar der allerbeste Schutz, aber nur, wenn man dabei zweimal „Happy Birthday“ singt. Und wenn gerade keine zwei Leute in der Nähe sind, die Geburtstag haben? Dann kann man auch „I will survive“ singen. Das reicht dann auch einmal. Aber nicht in geschlossenen Räumen, Zink und Zwiebeln hin oder her; singen hilft nur, wenn man dabei auf einem Balkon steht. Die geringste Infektionsgefahr besteht also offenbar für Frauen unter fünf Jahren, die keine Diabetes haben und nach 18 Uhr auf dem Balkon einer Kita ihr Abitur singen. Das Risiko für mich also, genau genommen: So mittel.

Vielen Kliniken ist es gelungen, die Zahl der Intensivbetten nahezu zu verdoppeln. Leider ist es niemandem gelungen, alle Krankenschwestern nahezu zu verdoppeln. Bei der ein oder anderen hätte das sicher großen Spass gemacht. Hätten wir mal besser mehr in die Klonforschung investiert.

8  Die Angst der Deutschen, zu verhungern, ist offensichtlich nicht so groß wie die Angst, sich mal an den eigenen Hintern packen zu müssen. Der Gegentrend, den das provoziert: Plötzlich wollen uns alle vom Papier abbringen. Am Bankautomaten winkt ein großer Kontoauszug von Max Mustermann, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es ihn auch online gäbe. Meine Lieblingstageszeitung, die meine Lieblingstageszeitung ist, weil die die einzige Tageszeitung ist, wirbt massiv mit ihrer Ausgabe als E-Paper. Darüberhinaus macht sie sogar mit der Schlagzeile auf, dass man zur Not auch nur mit Wasser das Gesäß säubern kann. Offenbar will man uns partout und in allen Lebenslagen das Papier abgewöhnen. Aber wer steckt dahinter? Ein guter Freund des Regenwaldes vielleicht? Leben dort nicht Gürteltier und Fledermaus? Von denen aus das Virus auf den Menschen übertragen wurde? Hätte ich mal besser in Bio aufgepasst; ich könnte viele Fragen jetzt selbst beantworten.

9  Das Virus stellt ständig Fragen, lästige Fragen: Hast Du nicht auch immer gesagt, dass die Zeit doch das allerwertvollste Gut ist? Und fühlst Du Dich jetzt reich? Liebst Du Deine Frau? Auch 24 Stunden lang? Wolltest Du nicht immer schon „mal mehr mit den Kindern“ machen? Und findest Du nicht auch, wir bräuchten jetzt ein paar Babyklappen mehr? Und vor allem größere …

10  Massive Sorgen macht mir diese Kriegsrethorik. Und Donald Trump krakeelt wieder am lautesten: Von den „Fronten“, an denen allen das Virus „angegriffen“ werden muss; von „patriotischen Pflichten“, mit denen der „totale Sieg“ errungen werden wird. Irgendjemand müsste ihm mal klar machen, dass Patriotismus nicht sehr geeignet ist als Virostatikum. Und dass es sich bei Covid-19 nicht um eine Splittergruppe der IS handelt.

11  Mein Vater wollte eigentlich, dass ich Arzt werde; ich habe mich für die Pflege entschieden. Dabei ahnten wir damals beide nicht, dass das auch irgendwann funktioniert: „Lassen Sie mich durch; ich bin Krankenpfleger. Lassen Sie mich vor!“ Ich habe damit jetzt sogar mal einen Parkplatz bekommen. Nur im ALDI hat es leider nicht geklappt.

12  Es wird übrigens „Karantäne“ ausgesprochen. Nicht „Ku-arantäne“.

Fortsetzung folgt. Fürchte ich.

 

Fabian Lau ist Krankenpfleger, freier Autor und Musiker. Er lebt – noch immer nicht isoliert – in Malchen.

 

 

 

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