Entdeckungsreisen zu Geschichte und Traditionen

Einer der Ausstellungsräume mit einem herrlichen Ausblick über die Rheinebene Foto: des Museum Stangenberg Merck

Inspirationen in spannenden Museen Teil 10

In Hessen gibt es etwa 400 Museen mit außergewöhnlichen Sammlungen und Präsentationen. Von den Schätzen der großen Landesmuseen ebenso wie Kostbarkeiten der hessischen Kulturgeschichte, die in den vielen Stadt- und Heimatmuseen des Landes bewahrt werden. Diese Rubrik soll zu Museumsbesuchen inspirieren um auf Entdeckungsreise zu gehen.

Ihre Ohren werden Augen machen

Kurios, famos und was zum Staunen, so lässt sich »Siegfrieds Mechanisches Musikkabinett« mitten in der Altstadt von Rüdesheim, nur wenige Schritte von der berühmten Drosselgasse entfernt, in etwa beschreiben. Ein Besuch dieses besonderen Museums im altehrwürdigen Brömserhof lohnt sich bestimmt. Der Brömserhof ist einer der schönsten Adelshöfe in der Rüdesheimer Altstadt, ein gelungenes Beispiel spätmittelalterlicher Wohnkultur. Um 1416 wurde der Brömserhof zur Eckbastion der Stadtbefestigung. Heute beherbergt er eine der umfangreichsten und bedeutendsten Privatsammlungen mechanischer Musikinstrumente. Die Idee kam Siegfried Wendel auf seiner Hochzeitsreise. Zusammen mit seiner Frau Gretel besuchte er Mitte der 60er Jahre ein Freilichtmuseum in der Nähe von Los Angeles. Dort beeindruckte sie ein Haus, indem sich ein ganzes Arsenal mit Player-Pianos befand. Für Siegfried Wendel war sofort klar: So etwas müsste es auch in Deutschland geben. Fünf Jahre später, im Oktober 1969 öffnete das »Erste Deutsche Museum für mechanische Musikinstrumente« seine Pforten. Seit 1973 lädt die Familie Wendel in Rüdesheim täglich Gäste in das Museum mit einer Ausstellungsfläche von über 600 Quadratmetern. Hier sind datengesteuerte Musikinstrumente von der kleinen Spieluhr bis zum Riesenorchestrion sowie Werkzeuge und Maschinen zur Notenträgerherstellung, Notenrollen, Spieluhrenplatten, Orgelwalzen und vieles mehr zu sehen. Besonders stolz ist Siegfried Wendel auf einen Flötentisch von 1789 und die Hupfeld-Phonoliszt-Viola. Schon mehr als 2,5 Millionen Besucher aus aller Welt haben das Rüdesheimer Musikkabinett besichtigt.  Die mechanischen Musikinstrumente sind oftmals eine Augenweide. Künstlerische Kreativität und Schaffenskraft, sowie verblüffende Ingenieursleistungen vergangener Jahrzehnte bzw. Jahrhunderte, lassen uns heute noch staunen. Aber der eigentliche Reiz der Instrumente erschließt sich erst dann, wenn sie erklingen. Deshalb zeigt das Museum nur spielende Instrumente. Derzeit präsentiert das Musikkabinett seinen etwa 130.000 Besuchern pro Jahr seine 350 Instrumente.

Siegfrieds Mechanisches Musikkabinett, Oberstr. 29, 65385 Rüdesheim am Rhein
Weitere Informationen: www.smmk.de

Kunst zum Anschauen und Mitnehmen

Das im September 2010 eröffnete »Museum Stangenberg Merck« darf sicher zu den schönsten privaten Kunstmuseen an der Bergstrasse gezählt werden und wird von Besuchern oft als ein Gesamtkunstwerk bezeichnet. Es beherbergt auf vier Etagen mit rund 800 m² vor allem das rund 1.800 Werke umfassende Œuvre der in München geborenen Malerin Heidy Stangenberg-Merck (1922–2014), die in der Jugenheimer Villa ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Ausgestellt werden etwa 300 Öl- und Temperagemälde, Linolschnitte und Radierungen. Nach ihrer Ausbildung an der Münchener Akademie der Bildenden Künste 1943 bis 1950 reiste sie seit 1955 jährlich nach Griechenland und schuf Bilder vom dortigen Landleben.

Einige Räume des Museums zeigen auch Werke ihres Ehemannes, des Musikers und späteren Dichters und Verlegers Karl Stangenberg (geb. 1928), den sie 1956 heiratete. Zudem sind Bilder ihrer Mutter Marietta (Henriette Marie) Merck zu sehen. Die 1895 in Darmstadt gebürtige Malerin und Bildhauerin lebte seit 1904 und von 1923 (nach ihrer Scheidung) bis 1953 zusammen mit ihrer Tochter in dem Haus ihrer verwitweten Mutter in Jugenheim. Anschließend zog sie wieder nach München, wo sie, bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv, im Jahr 1992 starb. Dem Museum angeschlossen ist das bereits seit 2006 bestehende »Artificium«. Unter dem Gedanken »Kunst zum Anschauen und Mitnehmen« können die in diesem Bereich ausgestellten Kunstwerke im Original oder als Reproduktion direkt erworben werden. Neben der umfangreichen Dauerausstellung bereichern jedes Jahr zwei wechselnde Ausstellungen das Angebot für den Besucher. Das liebevoll instand gehaltene Haus aus dem Jahr 1860 wurde 1904 vom damaligen Star-Architekten Professor Metzendorf erweitert. Es zeigt auch heute noch alle Schönheiten seiner Epoche. Mit seiner traumhaften Lage inmitten eines wundervollen, gepflegten Parks zieht das »Haus auf der Höhe« jeden Besucher in seinen Bann. Im »Kunstgenuss«, einem besonders schönen Raum des Hauses, haben die Besucher einen herrlichen Ausblick über die Rheinebene.

Museum Stangenberg Merck, im Haus auf der Höhe, Helene-Christaller-Weg 13, 64342 Seeheim-Jugenheim
Weitere Informationen: www.heidy-stangenberg-merck.de

Rückblick in stürmische Jahre

Mit den 1950iger Jahren verbinden sich automatisch Impressionen von Wirtschaftswunder, Rock ’n’ Roll, Petticoat und Aufbruch ins kleine, private Glück. Die Probleme der unmittelbaren Nachkriegsphase wurden in jenen Jahren mit tatkräftiger Unterstützung der USA bewältigt. Aus der wirtschaftlichen Prosperität erwuchs vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der atomaren Aufrüstung und der Spaltung Deutschlands ein neues Lebens- und Selbstwertgefühl, aber auch das Aufeinanderprallen von provinziell-spießiger Bürgerlichkeit und aufmüpfiger Jugendkultur. Das Lebensgefühl eines aufregenden Jahrzehnts hat das »50er-Jahre-Museum« eingefangen. Da gibt es für die Besucher viel (wieder) zu entdecken. Wer erinnerte sich nicht an Nierentisch und Tütenlampe, Vesparoller und Musik aus der „Jukebox“?  Im ehemaligen Wirtshaus »Zum Schwanen« am Marktplatz in Büdingen – fand das Museum 1999 sein Domizil. Viel zu entdecken gibt es im komplett eingerichteten Tante-Emma-Laden. Die original eingerichtete Milchbar und auch die Ladengalerie mit umfangreichem Zeitungskiosk, Radio- und Friseurgeschäft zählen zu den Glanzstücken der Ausstellung. Im Eingangsbereich stimmen bereits zahlreiche Exponate auf die ganze Bandbreite ein: Dort sind bunte Tütenlampen, Nierentisch und Plastiksessel (bis zur avantgardistischen Sitzmuschel des Amerikaners Bertoia) ebenso zu sehen wie Plattenspieler im strengen Braun-Design neben der Musiktruhe mit Bar und der lärmenden »Rock-ola-Musikbox«. Als Besonderheit wird hier der rote Mopedroller der Halleiner Motorenwerke gezeigt, den Cornelia Froboess 1959 zu ihrem 16. Geburtstag erhielt.

Wie zugleich Muff und Moderne diese Zeit prägten, ist in den einzelnen Räumen augenfällig. So steht das beengte, notgedrungen praktische Wohnen der Nachkriegsjahre mit Wandklappbett und Näh-Ecke einem Frisier- und Ankleidezimmer mit Stapeln von Petticoats und Perlonwäsche im Schrank gegenüber. Die Küche, in den typischen Pastelltönen gehalten, ist ausgestattet mit einer kunststoffbezogenen Eckbank, einem gedeckten Tisch sowie zahlreichen elektrischen Geräten, die damals Einzug in die Haushalte hielten. Im »Grünen Zimmer« geht es um die Jugendidole, die Vorbild für Kleidung und Moden der Fünfziger wurden. Zu den Themen Rauchen, Party oder Kosmetik sind viele zeittypische Utensilien ausgestellt. Hinter einer Türe wird augenzwinkernd auf die Prüderie der ansonsten so forschen Wirtschaftswunderjahre hingewiesen.

50er-Jahre-Museum,
Auf dem Damm 3 (Am Marktplatz), 63654 Büdingen
Weitere Informationen: www.50er-jahre-museum.de

 

Orchestrion mit großer Walze. Fotos: Siegfrieds Mechanisches Musikkabinett.

 

Die original eingerichtete Milchbar, Foto: 50er-Jahre-Museum

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