Mit „Holzholen“ fing einst alles an

Jubilar Dr. Fritz Deppert (li.) im Gespräch mit W. Christian Schmitt. Foto: Privat

Fritz Deppert wird 90 – es ist Zeit für Erinnerungen

Seinen Geburtstag kann man schlechterdings kaum vergessen. Denn er ist am 24. Dezember 1932 in Darmstadt geboren – Fritz Deppert, der Schriftsteller, der gesellschaftspolitisch engagierte Pädagoge, der Literatur-Kenner und -Vermittler, der im PEN (wo er fünf Jahre im Vorstand wirkte), im VS und in der Kogge (wo er gar Ehrenpräsident wurde) Zeichen setzte. Nicht zu vergessen sein langjähriger Einsatz als Lektor des Literarischen März, wo er jungen Lyrikern half, sich erste Sporen im deutschsprachigen Literaturbetrieb zu verdienen. In Darmstadt mit der Johann-Heinrich-Merck-Ehrung ausgezeichnet, in Wiesbaden mit der Goethe-Plakette des Landes Hessen geehrt. Mit weit mehr als zwei Dutzend Büchern („ich habe sie nicht gezählt, genau kann ich Dir das nicht sagen“) gehört er längst in Sachen Lyrik zu den wichtigen Adressen hierzulande. Was soll man (vorab) noch alles über ihn und ein Leben in Sachen Literatur schreiben?

Wie könnte ein Geburtstags-Artikel beginnen über einen, der mit seinem Schreiben schon fast alles preisgegeben hat, was ihn über Jahrzehnte beschäftigte, berührte, neugierig machte, auch ärgerte? Genau so: „Mit ´Holzholen´ fing einst alles an“. Titel eines kleinen, gerade mal 76 Seiten starken Bändchens, das 1970 von der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde herausgegeben wurde und mit dem Fritz Deppert quasi debütierte. Und genau über diese Publikation kam mein erster Kontakt zu diesem damals „jungen Autor“ zustande. Zusammen mit Katrine von Hutten las er seinerzeit in der Darmstädter Buchhandlung Schlapp aus diesem Buch. Georg Hensel, mein Chef, meinte, dass ich mir dies einmal anschauen solle, und ich schrieb darüber am 23. September 1970 im Darmstädter Echo u.a.: „…seine aneinandergereihten Gedanken sind zu gut, zu engagiert, als daß man sie in einer Art Pflichtübung auf Zeit über die Zunge jagen sollte. Er wird noch zu seiner Kür finden, er wird noch an seinem Image zu bosseln haben….

Mehr als 50 Jahre später kann ich bestätigen: Fritz Deppert ist unverwechselbar geworden. Sein Rat in Sachen „junge Literatur“ und Lyrik ist gefragt. Gleich mehrere Male haben sich unsere Wege in Laufe der Jahrzehnte gekreuzt. Begonnen z.B. in den 80er Jahren, als ich nach beruflichen Wanderjahren (wieder) in jene Stadt zurückkehrte, in der laut Poststempel „Die Künste leben“. Wir wohnten beide im Johannesviertel, gleich um die Ecke. Wir begegneten uns oft, wir sprachen über Literatur miteinander, wir organsierten Veranstaltungen (u.a. in der Orangerie), wir reaktivierten sogar gemeinsam den Darmstädter Literatur-Stammtisch.

Ich habe einmal nachgesehen, wo überall in meinen Publikationen auch von Fritz die Rede war. Angefangen bei der 1974 erschienenen Dokumentation „Klitzekleine Bertelsmänner“ (erschienen im Gauke Verlag), wo er – laut Personenregister – auf Seite 44 erwähnt wird. Oder in der 1986 insgesamt 40 Schriftsteller porträtierenden Sammlung „Die Buchstaben-Millionäre“ (im von Loeper Verlagsprogramm); und nicht zuletzt in meiner Autobiografie „Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen“ (2021 in Schmitts Redaktiosstube aufgelegt), wo gleich an sieben Stellen über ihn berichtet wird und zu lesen ist.

Wir kennen uns seit nun mehr als 50 Jahren und aufgefallen ist mir im Rückblick, dass wir bislang noch nie ein (richtiges) Interview geführt haben, bei dem es um Fragen (weil nicht gestellt) geht, auf die er noch nie antworten musste. Das wollten wir endlich einmal nachholen. Deshalb haben wir uns bei ihm in seiner Schreibwerkstatt getroffen und das Gespräch gleich in einem Video-Clip festgehalten, der u.a. auf der Website der Kultur-Nachrichten zu finden ist.

13 Fragen hatte ich mir notiert, und eine davon lautete (natürlich): „Wann und warum hast Du eigentlich mit dem Schreiben von Gedichten angefangen?“. Antwort: „Kurz vor meinem 12. Geburtstag, noch ganz unter dem Eindruck, was ich bei einem  Bombenangriff auf Darmstadt erlebt hatte, habe ich mein 1. Gedicht geschrieben“ – in ein Schulheft, das er unlängst wieder gefunden habe. Was wolltest Du eigentlich werden, frage ich weiter: „Schriftsteller? Aber doch bestimmt nicht Lehrer?“ Und dann erklärt er mir, warum er dies dennoch wurde, gar ein erfolgreicher Leiter der Bert-Brecht-Schule, „wo ich damals noch meinen Lehrplan selbst gestalten konnte“.

Die Schule, „so wie ich mir das vorstellte“, hat ihn geprägt und natürlich auch sein Schreiben, in dem Platz war für Gesellschaftspolitisches ebenso wie für große Gefühle. „Du warst zwar SPD-Mitglied und oft nahe bei den Entscheidungsträgern, aber ein politisches Amt hast Du nie übernommen. Warum eigentlich nicht?“ frage ich. Seine Antwort bedarf keiner weiteren Erläuterung: „Ich hatte keine Lust auf Fremdbestimmung“.

Dann reden wir über Literatur in diesem Land, in dieser Region, in dieser Stadt. Was hat sich verändert, was ist geblieben? Fritz Deppert: „Literatur ist schnelllebiger geworden. Auch die Menge der Schreibenden ist größer geworden“, was allerdings nicht unbedingt mit Qualität zu tun habe. Natürlich hat er sich immer wieder im Laufe der Jahre mit seiner Meinung über den Wandel in unserer Gesellschaft zu Wort gemeldet, doch „manches will ich heute lieber nicht mehr wahrnehmen“.

Bevor ich mich verabschiede, sage ich ihm in der Diele und im Blick auf Georg Stefan Troller, der mit über 100 Jahren noch immer Kolumnen schreibt, dass wir zu seinem 100. Geburtstag, also dann in zehn Jahren, das nächste Interview führen werden. Und Fritz antwortet: „Wenn Du Glück hast, dann findet Du mich noch hier…“.

Von W. Christian Schmitt

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