Namen, die in Darmstadt noch jeder kennt

Henning Boëtius

Schmitt´s Lesehappen (1)

Der Kultur-Journalist W. Christian Schmitt, der mehr als 25 Jahre in Darmstadt lebte und einst in Georg Hensels Feuilleton-Redaktion im Darmstädter Echo arbeiten durfte, hat seine Autobiografie vorgelegt, die unter dem Titel „Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen. 50 Jahre unterwegs als Kultur-, Literatur- und Buchmarkt-Journalist“ erschienen ist – siehe auch unsere jüngste Ausgabe. In den „Darmstädter Kultur Nachrichten“ veröffentlichen wir daraus in einer kleinen Serie jene darin enthaltenen Porträts mit Darmstadt-Bezug. Diesmal von A wie Altenhein bis B wie Behrens und Boëtius.

Hans Altenhein (Jg. 1927) war von 1973 bis 1987 – ehe Luchterhand an die Arche-Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali verkauft wurde – Verleger des einstigen literarischen Vorzeige-Unternehmens mit Günter Grass und vielen DDR-Autoren im Programm. In Darmstadt, wo der Verlag lange Zeit residierte, traf ich ihn hin und wieder, aber dort auch die einstigen Lektoren Wolfgang Promies und Katja Behrens.

Katja Behrens (Jg. 1942) war (hauptberuflich) die für lateinamerikanische Autoren zuständige Luchterhand-Lektorin, als wir uns erstmals begegneten. Durch unsere gemeinsame Nähe zu Darmstadt – wo schon der Poststempel verriet, dass dort „die Künste leben“ sollen – hatte ich des Öfteren die Möglichkeit, sie und ihre literarische Arbeit in Form von Interviews oder Werkstatt-Berichten meinen Lesern in einer Vielzahl von Tageszeitungen vorzustellen. So auch mit einem Gespräch, das wir im Blick auf einen vor ihr geplanten Zirkus-Roman führten – der allerdings dann doch nicht als Buch beim Claassen Verlag erschien. Katja Behrens, die mit den Erzählungen „Die weiße Frau“ und dem Roman „Die dreizehnte Fee“ Teil des bundesrepublikanischen Literatur- und Kulturbetriebs wurde, stand wie nachfolgend Rede und Antwort. Das Interview erschien u.a. am 12. Januar 1993 in der Saarbrücker Zeitung:

Frau Behrens, der Zirkus Roncalli, bei dem Sie ein halbes Jahr mitgearbeitet und mitgelebt haben, liefert für diesen Roman zumindest den Rahmen. Um was geht es da im Einzelnen?

Katja Behrens: Um das Leben im Zirkus, die Schicksale der dort arbeitenden Menschen, um Geschichten, die sich im Laufe der Saison entspinnen, auch um die Dialektik zwischen der Monotonie und der Dynamik des Zirkuslebens. Einerseits ist das ja immer dasselbe, zweimal am Tag dieselbe Vorstellung, dieselbe Musik, dieselben Gesten. Andererseits bewegt man sich ständig von Ort zu Ort, begegnet immer neuen Menschen und hat untereinander die vielfältigsten Beziehungen. Zirkusleute müssen Tag und Nacht auf engstem Raum miteinander leben. Das geht natürlich nicht ohne Spannungen ab. Liebschaften entstehen und vergehen, man verfeindet und versöhnt sich, ganz wie bei den „Privaten“ – so nennen die Zirkusleute diejenigen, die nicht beim Zirkus arbeiten. Nur wird durch die Enge des Zusammenlebens vieles deutlicher, auch dramatischer.

Für den Beobachter, ob jung oder alt, ist ein Zirkusbesuch auch immer ein Ausflug ins Reich der Phantasie. Wie ist das für Zirkusleute selbst?

Katja Behrens: Für Zirkusleute ist dieses „Reich der Phantasie“ harte Realität. Es bedeutet schwere Arbeit und eiserne Disziplin. Auch Langeweile. Diese Spannung zwischen Schein und Wirklichkeit spielt in meinem Roman eine große Rolle.

Henning Boëtius (Jg. 1939) gehörte zu jenen „jungen Autoren“, die erst spät, in diesem Falle gar mit 47 Jahren, entdeckt wurden. Das zumindest erzählte er mir, als ich ihn für die Serie „Aus der Literatur-Werkstatt“ (in der es um Autoren aus Darmstadt und der Region ging) in seinem Pfungstädter Zwischen-Domizil besuchte. Begonnen hatte Boëtius mit dem Schreiben von Gedichten. Einige davon beeindruckten gar Martin Walser, der sie 1962 in die Anthologie „Vorzeichen?“ (Suhrkamp Verlag) mit aufnahm. Doch dann verlief sein Lebensweg ganz anders: Boëtius war als Germanist und Literaturwissenschaftler ausgebildet, hatte über Hans Henny Jahnn promoviert, eine Anstellung im Frankfurter Goethehaus gefunden und an der „Kritischen Brentano-Ausgabe“ mitgearbeitet. Mit der eigenen Dichter-Karriere schien es vorbei. Doch dann, 1973, mit dem Abschied aus Frankfurt und dem Ende seiner Anstellung als Literaturwissenschaftler, die neuerliche abrupte Wende in seinem Leben. Boëtius rückblickend: „Ich war psychisch geschockt, hatte einen Knick im Selbstverständnis“.

Ich erinnere mich noch genau an jenen Samstag, als mein Werkstattbericht im Darmstädter Echo erschien und mir Henning Boëtius auf seinem Damenfahrrad am Langen Ludwig in der hessischen Provinzhauptstadt begegnete: Er hatte den Artikel gelesen und schien geradezu beschwingt. Offenbar neu motiviert begannen nun erfolgreiche Schriftsteller-Tage mit dem Erscheinen des Kinderbuchs für Erwachsene „Troll Minigoll von Trollba“ (bei Spectrum) und später dann mit den beiden bei Eichborn verlegten Titeln „Der andere Brentano“ und „Der andere Lenz“. Sie sorgten bis hin zu einer Besprechung im „Spiegel“ bundesweit für Gesprächsstoff in den Feuilletons landauf, landab. Unter den zahlreichen Abdruckbelegen findet sich auch ein Artikel über meinen Besuch bei dem Autor, den die Hessische/Niedersächsische Allgemeine vom 24. März 1991 veröffentlichte.

siw

„Willkommen in der Aula meiner Erinnerungen. 50 Jahre unterwegs als Kultur-, Literatur- und Buchmarkt-Journalist“ Verlag Schmitt’s Redaktionsstube, Oktober 2021, 496 Seiten, mit mehr als 350 Fotos und Abbildungen, Preis 25,- Euro; ISBN: 978-3-00-068579-8

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